Der Hund muss mal. Kein Problem – der Vorteil der Feldrandlage. Wir gehen am Zaun entlang direkt hinter dem Haus. Plötzlich schreit ein Vogel. Kurz und knackig. Der Hund will gleich mal nach dem rechten sehen. Intuitiv halte ich ihn kurz und schau in das hohe Gras.
Da sitzt er – ein Rabenvogel. Noch einmal ein Schrei. Dann Stille. Eigentlich mag ich Rabenvögel nicht so sehr. Ich sehe immer Schwärme von Ihnen hinter Falken oder anderen Greifvögeln herjagen. Und dann sollen sie ja auch noch Jungvögel fressen.
Der Vogel schaut mir direkt in die Augen. Ich gehe ein Stück weiter – wohl wissend, dass die Katzen auch Rabenvögel fressen – und mache mir Gedanken, was ich tun könnte.
Einen Herrn treffe ich – er hat gestern einen Rabenvogel gefunden und ihm Wasser angeboten – so sagt er. Außerdem hätte das Bein so komisch abgestanden, bestimmt gebrochen. Hm, es ist trocken, es ist ziemlich warm, der Vogel kann nicht weg. Die Katzen sind gnadenlos. Ich gehe weiter – gut das es Internet gibt, schnell rufe ich bei meinem Tierarzt an – tatsächlich erreiche ich sogar jemanden – obwohl Freitag Nachmittag. Die empfehlen mir einen vogelkundigen TA anzurufen. Der geht nicht dran, ruft aber gleich zurück. Nein aber helfen kann er nicht, obwohl er nur 3 KM von hier weg seine Praxis hat. Im Nachhinein vielleicht Gott sei Dank wollte er nicht helfen … Wer weiß.
Ich rufe an den sogenannten Rabenvater, Wildauffangstationen. Eine Stunde Fahrt? Soll ich das wirklich auf mich nehmen?-Es ist ja „nur“ ein Rabenvogel kam mir kurz in den Sinn – es gibt ja so viele – und nett sind die ja auch nicht, oder?. Aber dieser Blick. Ich könnte weinen.
Irgendwann erreiche ich ein Tierheim, die lt. Internet auch Wildtierauffangstation sind. Dort schildere ich die Situation – zum Tierarzt solle ich gehen, er müsse bestimmt eingeschläfert werden …
In 30 Minuten macht das Tierheim zu. Ob ich ihn bringen könnte, sie haben noch einen Platz und kümmern sich. Ich erkläre, dass wir erst in 60 Minuten da sein können. Die nette Mitarbeiterin erklärt sich wie selbstverständlich bereit zu warten.
Erleichterung macht sich in mir breit.
Auf dem Weg zurück nach Hause komme ich wieder am Rabenvogel vorbei. Wieder ein kurzer Schrei. Ich rede mit ihm, sage ich werde ihm helfen.
Zu Hause eine Kiste geholt, Luftlöcher rein – Tuch mitgenommen und Vogel einfangen. Währenddessen mache ich mir Gedanken. Warum habe ich gezweifelt? Ein Rabenvogel ist ein Lebewesen und verdient es zu leben. Er verdient Hilfe und er verdient es nicht zu leiden.
Er ziert sich – ein riesiger Schnabel und große Schwingen – aber er kommt nicht weg. Ob ihm die Kraft schon fehlt oder ob es die Schmerzen sind – ich weiß es nicht. Trotzdem ist er schnell in der Kiste. Sein Schimpfen dauert nur kurz. Dann warten wir auf unseren Fahrdienst.
Pünktlich zur verabredeten Zeit wird der Rabenvogel abgegeben. Mein Kind hat ihn Norbert genannt. Er hätte ihn gerne behalten. Leider sind aber Vögel in einem Katzenhaushalt keine gute Idee – ob wir besser die Katzen zum Tierheim gebracht hätten?
Dummer Scherz, aber wir sind so froh, dass Norbert jetzt nicht unter dem Walnussbaum auf seinen sicheren Tod warten wird, das wir uns erlauben dumme Scherze zu machen.
Was auch immer jetzt mit ihm passiert. Norbert bleibt in unserem Herzen. Er hat mir meine Verbindung zur Natur ganz offensichtlich gezeigt. Ein Lebewesen muss mit Respekt behandelt werden. Jedes Lebewesen ist wundervoll und einzigartig.
Norbert klingt in mir – er ist eine Rabenkrähe – er ist ein Schädlingsbekämpfer und als Aasfresser hat er eine wichtige ökologische Funktion.
Flieg frei Norbert.
P.S.: Wer mehr über Rabenvögel erfahren will, dem kann ich die fundierte Quelle www.nabu.de empfehlen.
Mein Dank geht an den Tierschutzverein Rüsselsheim e.V.